Blog von dans-la-vie-d-emmanuelle

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Mein Leben, (immer weniger) Piraten und Essen....


1986 - Zwei Jahre zu spät?

Veröffentlicht von Emmanuelle auf 2. September 2013, 21:49pm

1986


Das Jahr in dem Tschernobyl explodierte.

 

Im Frühjahr.

 

Ich war 13. Und der darauf folgende Sommer sollte mein Leben anders verlaufen lassen, als es vielleicht normal gewesen wäre.

 

Mein Vater war im Zuge dessen aus beruflichen Gründen im Zentrum einer Transaktion, die über den eisernen Vorhang hinweg nach Tschernobyl führte und fand sich darauf hin unter Bobachtung der beiden verfeindeten Supermächte wieder.

Und mit ihm seine ganze Familie.

Ich war 13 und unser Telefon knackte, wenn ich mit meiner Freundin telefonierte (und ja, das taten wir oft), ich war irgendwann 17 als das Telefon knackte, als ich mit meinem Freund telefonierte.

In der Zwischenzeit haben wir beim Tapezieren dünne Drähte hinter den Bildern gefunden und meine Eltern versuchten uns (also meinen Schwestern und mir) zu erklären, dass diejenigen, die uns abhörten böse waren, und dass das vorbei gehen würde.

Ich habe ihnen das geglaubt.

Wir haben trotzdem immer aufgepasst, was wir sagten. Im Wohnzimmer wurde viel gelacht, aber nie zu ausgelassen. Wir haben immer überlegt, was wir jetzt am Telefon sagen können, und was nicht. Die Schere im Kopf eines Teenagers... Wahrscheinlich bin ich deswegen noch heute nicht in der Lage zu vertrauen, vielleicht überlege ich deswegen noch heute wie ich die einfachsten Dinge ausdrücken kann, so, dass sie richtig verstanden werden. Keinen Platz für Interpretation lassen... man weiß ja nie...

Die Mauer fiel, eine Behörde in Berlin machte sich daran die gesammelten Akten aufzubereiten. Mein Vater erhielt einen Brief, dass er seine Akte einsehen könne. Er hat sich geweigert, denn er wollte nicht wissen, wer von seinen Freunden ihn vielleicht verraten hatte.

Ich bin bald zuhause ausgezogen, habe studiert. War weit weg und inzwischen ist mein Vater schon lange nicht mehr im Dienst und wahrscheinlich nicht mehr im Fokus. Ich fühlte mich sicher.

Ich hatte unrecht. Sie hatten unrecht.

Es ist schlimmer geworden. Es ist nicht mehr nur das Telefon meiner Eltern, das knackt, es ist jedes Telefon, es ist jede einzelne Mail, die unter Beobachtung steht.

Ich bin 40 und noch immer nicht frei.

Es ist wieder so weit. Was kann ich per Mail schreiben? Was möchte ich lieber nicht öffentlich sehen? Was bespreche ich in welchem Rahmen. Die Schere im Kopf ist wieder da. Und diesmal haben sie alle. Alle Menschen um mich herum werden überwacht, nicht nur ich. Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der jeder jedes Wort auf die Goldwaage legt?

Ich möchte das nicht.

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