Blog von dans-la-vie-d-emmanuelle

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Mein Leben, (immer weniger) Piraten und Essen....


Der Mehrwert der Anonymität

Veröffentlicht von Emmanuelle auf 2. März 2014, 17:29pm

Kategorien: #Piratiges

Vor einiger Zeit hat mal wieder ein Skandal die Piratenpartei erschüttert und zerrüttet.

Worum es ging? Zwei junge Damen wollten sich der Vereinnahmung der Gedenkveranstaltungen zum Bombardement von Dresden 1945 durch NeoNazis widersetzen und haben dafür eine üblicherweise ziemlich effiziente Methode gewählt: sie haben sich ein Statement auf die nackten Brüste geschrieben. (Dass ich den Spruch für selten dämlich halte soll hier nicht Thema sein)

Da allerdings ihre Gegner für einen nicht wirklich zimperlichen Umgang mit Kritikern bekannt sind, wäre den Damen lieber gewesen, dass sie dabei nicht erkannt worden wären, und daher haben sie ihr Gesicht verhüllt.
Die Vermummung hat nicht funktioniert und die Reaktionen, die darauf folgten machen verständlich, warum sie lieber unerkannt geblieben wären.

Soviel zum Rahmen: mir geht es eigentlich um etwas anderes.

Ein wichtiger Punkt in einer funktionierenden Demokratie ist die Möglichkeit, seine Meinung äußern zu können, ohne Angst vor Repressalien haben zu müssen.

Repressalien müssen nicht unbedingt vom Staat ausgehen, sie können auch von Gegnern oder sogar der eigenen Peer-Group ausgehen, wenn man eine Mindermeinung vertritt. Sozialer Druck ist mindestens genauso spürbar (wenn nicht noch mehr) für den einzelnen, als die wage Bedrohung durch einen nicht physisch präsenten Staat. (Das sehen wir immer wieder, wenn wir auf NSA und VDS hinweisen, und es vielen Menschen egal ist, solange ihr Nachbar nix davon erfährt.)

Viele Menschen sagen ihre Meinung nicht offen, sondern nur, wenn sie es gefahrlos tun können. Zum Beispiel anonym. Oder eben vermummt.

Jetzt gibt es Stimmen bei den Piraten, die Anonymität per Definition für böse halten, weil viele hasserfüllte Kommentare anonym getätigt werden.

Diese sind zwar relativ deckungsgleich mit denen, die Nazis als allgemeine überallbestehende Bedrohung sehen und jeden als solchen beschimpfen, doch scheint die Angst, dass diese zu Macht und Einfluss kommen könnten nicht präsent genug zu sein, die Anonymität von Aussagen und die Meinung des einzelnen dauerhaft schützen zu wollen.

Bei mir ist es genau anders herum ich sehe nicht in jedem andersdenkenden einen Nazi, jedoch sehe ich auch eine zunehmende radikalisierung unseres Umfeldes und die daraus resultierenden Risiken für die freie Meinungsäußerung des einzelnen. Die Angst, dass die Meinung (die sich inzwischen auch geändert haben kann) geraume Zeit später in die falschen Hände gerät. Der Druck der dadurch entstehen kann kennt jeder, der bereits einen Shitstorm hinter sich hat. Den anderen wünsche ich, dass sie es nie erfahren.
 
Nicht anders verhält es sich mit dem Klarnamen-LQFB, auch da bin ich obigen Phänomen ausgesetzt oder könnte es sein. Welches Gut wiegt höher? Das ich mich überhaupt traue meine EHRLICHE UNGESCHÖNTE Meinung zu sagen  oder die Gefahr, dass ich anonym dumme Dinge sage? Was zählt mehr? Mein Schutz oder das Interesser anderer, zu bewerten, was die Abstimmung/Ablehnung/Meinung wert ist?

Oder anders gesagt, was ist ein Ergebnis wert, wenn es unter dem Druck entstanden ist, welches der einzelne empfindet, wenn er unter beobachtung steht? Ist freies bewerten von Inhalten und Argumenten möglich, wenn mein Schluss daraus mir vorgeworfen werden kann?

Aus diesen Gründen möchte ich, dass ein gefahrlose Meinungsäusserung für jeden möglich ist.

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Meike Büttner 03/03/2014 08:30


Ja, ich weiß, das ist ein Problem. Ein Problem übrigens, für den meiner Meinung nach Journalismus die Lösung darstellt. Als Journalistin muss ich immer wieder Meinungen abbilden und schütze dabei
sehr oft die Personen durch Namensänderung, Unkenntlic-machen, etc.

Ich glaube, es ist Aufgabe des Journalismus, diese Meinungen zu finden und zu schützen und abzubilden. Annonymes Kommentieren im Internet jedoch bringt doch ohnehin nicht viel. 5% der
Weltbevölkerung haben Zugang zu diesem Netz. 90% davon konsumieren einfach nur. Also content, meine ich. Wir glauben immer, dass das hier irgendwas abbilden würde, aber dazu ist das Internet gar
nicht in der Lage.

Annonymität fördert leider Gewalt. Darüber gibt es genügend Studien. Auch in Bezug auf Kommentarverhalten im Netz. Und ich habe es genau so erlebt. Ich habe genau einen einzigen Troll, der sich
traut, dazu mit seinem Namen zu stehen. Alle anderen Angreifer haben keine Gesichter. Ich bin der Meinung, das die Gewalt die ensteht größer ist als der Nutzen.

Als Betroffene werfe ich auch mal schnell das Wort "Blockempfehlung" in den Raum. Die Person, die das macht, ist überall im Netz unter falschen Personendaten unterwegs und richtet eine Menge
Unheil an mit aggressivem Verhalten gegen sich selbst und andere.


Ich bin wenigstens im Netz für Klarnamen und ich bin für einen emapthischen Qualitätsjournalismus, der nicht Protagonisten sucht, der seine Thesen vertritt, sondern unvoreingenommen mit
Minderheiten spricht und sie abbildet, ohne das zu bewerten.

Meike Büttner 03/02/2014 21:01


Ich verstehe jeden Deiner Einwände, jedoch frage ich mich, wieviel "Wert" eine Meinung überhaupt hat, wenn sie ganz alleine für sich steht. Zumal sie für sich getroffen auch keine Auskunft
darüber gibt, ob diese Meinung überhaupt tatsächlich ernst ist. Ich für meinen Teil verfahre jetzt schon seit drei Jahren nach dem Motto: "Halt nicht die Fresse, zeig Dein Gesicht!" Dafür habe
ich nun auch schon den ein oder anderen shitstorm über mich ergehen lassen. Zuletzt dieses Wochenende, nachdem ich einen eher frechen Kommentar über Homophobie in meiner Kolumne beim European
geschrieben habe.

Jetzt habe ich wieder diese mails im Postfach. Inzwischen kann ich damit umgehen. Und ich weiß, dass ich das nicht von jedem verlangen kann, so entschlossen alle Repressalien auf sich zu nehmen.
Letztlich bin ich aber überzeugt, dass es nur genau dieser Mut ist, der uns irgendwo hinführen kann. Ein Gandhi zum Beispiel hat seine Meinung auch wichtiger genommen als seinen eigenen Körper.
Das ist für mich ein Ideal, das ich gerne erfüllen würde.


Die letzte Konsequenz ist eine persönliche Gefahr, mit der ich mich entschieden habe, zu leben. Würden aber mehr Menschen ebenso zu ihren Meinungen mit ihren Gesichtern stehen, wäre das am Ende
für jeden Einzelnen eine Entlastung, weil wir als Kollektiv dastünden.

Ich finde viel spannender die Frage: Zu welchen Meinungen stehe ich mit meinem Namen und welche verstecke ich lieber hinter einem Pseudonym. Für mich macht das auch ein Stück der Ernsthaftigkeit
aus. Ich muss gestehen, nicht wirklich ernst nehmen zu können, was die Person sich nicht öffentlich traut, zu sagen. Die Konsequenzen, die daraus resultieren, sind bei echter Überzeugung doch
nebensächlich, oder?!


 


Ganz wichtig: Hier kam jetzt viel "Ich" vor, weil ich eben von mir ausgehe und persönlich daran schon lange hin und her denke. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, mein eigenes Ideal in
Volendung zu erreichen. Ich rede nur von meinen persönlichen Idealen.

Emmanuelle 03/02/2014 21:09



Ich bewundere deinen Mut, so mit Kritik umgehen zu können, kenne aber leider auch Menschen, die das nicht können, und die, wenn sie angegangen werden in ihrem Schneckenhaus verschwinden. Ist
deren Meinung deswegen weniger Wert?



Radbert Grimmig 03/02/2014 20:31


Genau so sieht's aus. Und als Szenario für den sozialen Druck muss man noch nicht einmal konkrete Bedrohungen oder dergleichen bemühen. Es reicht schon, *irgendwelche* Ambitionen zu haben, in der
Partei noch mal "etwas werden" zu wollen. Vielleicht mal eine Kandidatur zu $irgendwas. Und schon wird sie aktiv, die Schere im Kopf.


Und die größte Gefahr sehe ich dabi noch nicht mal so sehr in unter Gruppendruck "verabschiedeten" radikalen Positionen. Sondern darin, dass sich mal wieder das Konsens-Wischiwaschi durchsetzt
und die Piratenprogrammatik mithin noch laffer, noch weichgespülter, noch stromlinienförmiger, noch inhaltsleerer wird als sie es seit Bochum und Neumarkt ohnedies bereits geworden ist.


 

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