Blog von dans-la-vie-d-emmanuelle

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Mein Leben, (immer weniger) Piraten und Essen....


Wie eine gute Idee an der Ausführung scheitert, oder auch: "ich bin raus"

Veröffentlicht von dans-la-vie-d-emmanuelle auf 30. Dezember 2012, 21:03pm

Kategorien: #Piratiges

  • Dieser Brief ist heute an die interne Mailingliste des Frankfurter Kollegiums gegangen.
Liebe Kollegen,

 

 

vor einigen Wochen wurde das Frankfurter Kollegium als Verein mit großem Tamtam gegründet. Ich war von der Idee, einer Interessenvertretung anzugehören, die die Themen wieder in den Vordergrund stellt, wegen denen ich in die Piratenpartei eingetreten bin, sehr angetan.

Diese  Themen sind Bürgerrechte, Bürgerbeteiligung, die Ablehnung von  Überwachung und Zensur, sowie das Ideal eines mündigen, aufgeklärten und  eigenverantwortlichen Menschen als Grundstein der Gesellschaft.

Ich habe, wie die meisten, aus der Presse von der Gründung erfahren.
Dies hat mich zwar etwas verwundert, zumal doch einige der 'Verschwörer'  mehr oder weniger regelmäßig in meinem Wohnzimmer sitzen, jedoch habe ich den Gedanken an fehlendes Vertrauen zur Seite geschoben und mir  angesehen, was das Ziel des Ganze werden soll.

Das Manifest, welches die Grundidee verdeutlichen  sollte, hat es mir sofort angetan. Der Verhaltenskodex, den das  Kollegium sich geben wollte, entsprach meinem Wertesystem und hat mir  gefallen.
Also habe ich spontan einen Wagen gemietet, mich mit Freunden abgesprochen und einen Samstag in Frankfurt geplant.

Und dann fing es an, unschön zu werden. 

Aus  einer Interessenvertretung für 'Kernies' wurde ein elitärer Kreis, dem  nur zugehören darf, wer sich noch bei niemandem unbeliebt gemacht hat. 

Ich  habe DMs bekommen, die mir sagten, dass es kein Problem mit meiner  Aufnahme geben werde. Bis zu dem Zeitpunkt war mir nicht einmal klar,  dass sich diese Frage stellen könnte. Ich stutzte. Ich ging bis dahin  davon aus, dass es eine offene Plattform sein sollte. 

Trotz erster Zweifel bin ich von meiner Idee, zur Gründung zu fahren, nicht abgerückt. Schließlich bin ich ja auch neugierig und ich wollte genau wissen, was es mit dem Kollegium auf sich hat.

Leider wurde meine Neugier auch vor Ort nicht gestillt. Denn ich habe auch dort nicht erfahren, wie der Entscheidungsprozess war, der zu der Gründung eines Vereins geführt hat. Die meisten, die ich fragte, antworteten 'als ich dazugekommen bin, war diese Entscheidung schon gefallen'.

Ich verstehe unter Transparenz nicht, dass alles in Echtzeit für jeden sichtbar sein muss. Aber ich erwarte, dass ein Entscheidungsweg nachvollziehbar sein muss.  Das ist einer der Punkte, die ich bei den Piraten immer als Mehrwert  gesehen habe, und den habe ich hier nicht wieder gefunden. Das Geschwätz  von der notwendigen Budgethoheit hat mich nicht überzeugt.

Endgültig unwohl gefühlt habe ich mich mit dem ganzen, als Berichte auftauchten, dass das ein oder andere Mitglied des Kernteams sich durchaus vorstellen kann, dass im Fall des Scheiterns der Piratenpartei  ein 'Best-Off' der Mitglieder in der Mitgliederdatenbank des Vereins zu  haben eine Basis für einen Neustart sein könne, und diese Berichte  leider nicht aus der Luft gegriffen waren.

Das war jedoch zu keinem Zeitpunkt ein kommunizierte  Ziel des Vereins, sondern ausschließlich die des betroffenen Gründers,  der sich von dieser Aussage bisher noch nicht distanziert hat.

Dazu ist dann gekommen, dass ein Mitglied aus dem 'Sprecher'-Gremium es mit dem Datenschutz nicht all zu genau nahm  und fröhlich die Namen von Interessenten (die definitiv nicht bei der  Gründung anwesend waren) ausgeplaudert hat, sofern sie wichtig genug  waren, um sich damit brüsten zu können. (Laut Datenschutzbelehrung, die  hoffentlich jedes Vorstandsmitglied der Piratenpartei in Bayern  schon-mal hinter sich gebracht hat, ist die Zugehörigkeit zu einer  Partei, und damit auch zu einem Verein, der die Parteimitgliedschaft als  Voraussetzung hat, ein besonders schützenswertes Datum.)  Ich halte nicht viel von Zwangsoutings. Wenn Jemand seine  Mitgliedschaft bekannt geben möchte, steht es ihm frei, aber es kann  nicht Aufgabe des Vorstandsgremiums sein, das für ihn zu übernehmen.

Vorstandssitzungen auf privaten  Servern, ohne Zugriffsmöglichkeiten, selbst für Mitglieder und das zu  Uhrzeiten, die für Arbeitnehmer sowieso nicht wirklich realistisch  waren, waren wohl noch Kinderkrankheiten aus der  'Vor-Gründungs-Guerilla'-Zeit.

Ich bin geduldig und habe mir das alles erst mal kritisch angesehen. 

Dann ging die wirklich unangenehme Phase  los. Nicht nur, dass die Gründerväter angefangen haben sich, entgegen  der Absprachen im Verhaltenskodex, auf der (internen) Mailingliste zu  zerfleischen, nein, die Angriffe von außen fingen an.

Eigentlich ging das schon während der Gründung los. Es wurde als fürchterlich angesehen, dass eine Frau (also in dem Fall ich) das Protokoll geschrieben hat, und das ja nur eine ganz schrecklich unwichtige Rolle bei so einer Gründung ist. Wäre es denn besser gewesen, dass es keins gegeben hätte? (Ganz unabhängig davon ist es noch immer nicht veröffentlicht. Und leider habe ich es nicht elektronisch, da ich es nicht auf meinem Rechner geschrieben habe)

Dann ging es weiter mit den Anfeindungen und Angriffen.

Unterstellungen und völlig absurden Vorstellungen dessen, was das Kollegium macht, was es kann und was es vor hat.

Jeder einzelne von uns Gründungsmitgliedern ist das Böse in Person, aber wer auch noch ein Amt inne hat, ist nur einen Zentimeter davon entfernt, die Weltherrschaft an sich zu reißen. 

Wir waren ca.  30 Gründungsmitglieder, aber nur die 5 "Prominenten" werden zu  Galionsfiguren gemacht, ob sie was damit zu tun haben, oder nicht.

Dann war auf einmal das Kollegium eine Gruppe 'Medien-erfahrener Alphamännchen' (ähm,  es waren 20% Frauen anwesend, und Medienerfahrung haben vielleicht 5-7  der Anwesenden, aber bitte belasten Sie mich nicht mit Tatsachen).

Die  Angriffe wurden aber auch extrem persönlich. Der Gruppenaccount der  @AGRoellchen (der bis dahin mit 'gehörte') wurde gehighjackt und alle  bisherigen Nutzer ausgesperrt. Freundschaften werden nach dem Nutzenfaktor bewertet und als nicht mehr sinnvoll betrachtet - sogar die Integrität einzelner Personen in Frage gestellt.

Das  war der Grund für mich, erst mal dabei zu bleiben. Aus Trotz, oder weil  Menschen, die derart persönlich werden, einfach nicht Recht haben  können. 

Weil genau solche Angriffe eigentlich der Beweis sind, dass die Gründer Recht hatten, und dass die Sitten und der Anstand das ist, was uns Piraten vielerorts abhanden gekommen ist. 

Weil nicht diskutiert wird, sondern gebasht, gemobbt, und unter Druck gesetzt. 

Weil tatsächlich ein Schutzraum für diejenigen notwendig ist, die sichtbarer sind, und deswegen als Freiwild gelten.

Das sehe ich noch immer so.

Aber leider wird diese gute Idee bei der Durchführung versaut. 

Es wird programmatisch in geschlossenen Mailinglisten gearbeitet, zu denen es nicht einmal eine öffentliche  Zusammenfassung hinterher gibt (wie gesagt, ich verstehe unter  Transparenz die Nachvollziehbarkeit der Entscheidung, nicht unbedingt  die Mitarbeit eines jeden). Ich hätte mir hier moderierte Mailinglisten gewünscht, aber nicht völlig geschlossene.
Einzelne prominenten Piraten nehmen sich heraus, die Deutungshoheit über die Ziele und Wünsche der Gruppe zu haben und sehen den Rest der Mitglieder nur als schmückendes Beiwerk. 

Und zuletzt:  das Aufnahmegremium. Dieses hat tatsächlich die Aufgabe, über die  Aufnahme von Mitgliedern zu entscheiden und nicht, wie ich es mir  erhofft hatte, in die andere Richtung tätig werden (also jedem eine  Chance geben, aber eine vereinfachte Möglichkeit zum Ausschluss, wenn  die Mitarbeit nicht konstruktiv ist).

Alles in allem habe ich mich also entschlossen, diesen erlauchten Kreis wieder zu verlassen und hoffe, dass eine konstruktivere Möglichkeit geben wird, die vorgeblichen Ziele des Kollegiums zu promoten. 
  • Dieser Verein, und insbesondere in dieser Struktur, ist es für mich nichts.
Viele Grüße

Emmanuelle

Kommentiere diesen Post

maik06 01/06/2013 01:23

Sehr gute Beschreibung. Eigentlich wollte ich meine beantragte Mitgliedschaft schon kurz nach der Gründung zurückziehen. Der massive agressive Umgang anderer Piraten hatte mich zunächst davon
abgehalten. Vielleicht finden wir uns alle wieder etwas friedlicher zusammen.

Alex F. @_belze_ 01/01/2013 17:11

Danke für den erhlichen und offenen Brief. Er zeigt mir das nicht nur das FK Fehler gemacht hat sondern auch die Kritiker - mich eingeschlossen. Ich hoffe mit deinem Blog kommen wir wieder zurück
auf eine sachlichere Diskussion zum Thema, und die ist nötig den meine Vermutungen zum FK wurden bestätigt.

mike 12/31/2012 10:05

Mutige Worte, Respekt!

Bastiaan Zapf 12/30/2012 23:28

Danke für diesen Erfahrungsbericht und willkommen zurück in der Basis.

Bernhard Hanakam 12/30/2012 22:54

Sehr gut beschrieben, danke dafür!

Leider bestätigt das, was ich befürchtet hab. Genau das, was dich da wieder raus getrieben hat ist das, wovon ich hoffe, dass ich mich irre. Ich hab mich mit Absicht nicht dem Bashing
angeschlossen. Natürlich sah ich das Kollegium sehr skeptisch, dennoch fand ich das ständige dagegen feuern als wenig konstruktiv. In der Zeit hätte man sonst was erledigen können.

Ich kann mich Bens Kommentar auf Twitter nur anschließen: Kommentare auf der Bayern-HP sind was tolles zum promoten. Und ich bin froh, dass du zu denen gehörst, die wirklich was gutes in der Partei
erreichen wollen und dass du das auch weiter willst. :)

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